Mittwoch, 17. Juni 2015

Blick in Kapitel 1 von Band 3

  
~ Daniel ~

 Wilde Rufe und Stimmengewirr drangen zu mir durch. »Verflixt!«, fluchte ich lauthals. »Immer dann, wenn ich was essen will«, sagte ich zu Tutu, die mich bemitleidend ansah.
Sie stellte mir dennoch den Teller mit dem gegrillten Bacon hin. »Iss! Wenn du nicht bei Kräften bleibst, kannst du auch nicht arbeiten«, befahl sie mir
Schnell schob ich die Ananas vom Speckstreifen und schob mir das Fleischstück in den Mund. Kauend lief ich hinaus.
Draußen im Hof angekommen, musste ich erst mal schallend lachen. Benjamin, Eric und der Stallmeister Joseph, versuchten mit Kübeln eine Palme zu löschen, die in Flammen stand.
Zwar wusste ich nicht, wie das passieren konnte, aber dennoch war es amüsant mit anzusehen, wie sie Wasser auf die Palmwedel zu schütten versuchten. Dabei machten sie sich immer wieder selber oder gegenseitig nass.
Nina stand in einigem Abstand daneben und lachte schallend.
Schritt für Schritt kam ich ihr näher und so verstand ich auch bald, was sie zwischen ihrem Gekicher sagte.
»Ben soll ich nicht doch helfen?«, fragte sie und hielt sich den Bauch vor Lachen.
»Nein, bleib da«, erwiderte dieser.
Als sie mich nun erblickte, funkelten ihre Augen zufrieden auf. »Oh, du bist ja noch da. Ich dachte, du wolltest zu Kate.« Langsam kam sie mir entgegen.
»Da fahre ich auch gleich hin. Sie ist noch kurz ins Büro gefahren.«
»Heute? Es ist doch ...« Sie schien tatsächlich zu überlegen, welcher Wochentag war.
»Samstag«, gab ich ihr die Antwort. »Shit Jetlag, was?«, hinterfragte ich ihre Verwirrtheit.
»Ja. Jetzt wo ich nicht mehr so häufig fliege, merke ich den wieder extrem. Aber spätestens morgen geht es wieder. Zwischen dir und Kate prickelt es ganz schön, oder?«, stellte sie mir die nächste Frage und lenkte damit das Gespräch weiter in die Richtung, die ich vermeiden wollte. Jetzt war mir auch klar, warum sie mich so anstrahlte. Es würde ihr eine schwere Last vom Herzen nehmen, wenn ich mit Kate eine Beziehung anfangen würde.
Leider war es nicht so einfach, wie Nina es sich vorstellte. Ein gebrochenes Herz konnte man nicht so einfach reklamieren. Man konnte auch nicht mal eben einen Pflock in das Loch treiben, damit die Wunde wenigstens halbwegs abgedichtet wurde. Und schon gar nicht konnte man mit zur Hilfenahme eines Nagels ein Schild dran hängen auf dem ›neue Liebe gesucht‹ draufstand.
»Bist du eigentlich verantwortlich dafür?«, stellte ich nun meinerseits Nina eine Frage, um sie von Kate abzulenken. Dabei deutete ich zu dem Geschehen hinüber.
Sie blickte mich verwundert an. »Ich? Nein! … Naja vielleicht. Als wir uns vorhin küssten, schlug ein Blitz in die Palme ein.«
Nun war es an mir zu lachen. »Mit anderen Worten, wenn ihr beiden euch in den Armen liegt, sollten alle in Deckung gehen, oder was?«
Sie boxte mich gegen die Schulter. »Du bist echt blöd!« Ihr Kichern verriet, dass sie es im Scherz sagte. »Nehme dich lieber vor mir in Acht, wenn ich wütend bin. Nicht, dass ich dir irgendwann doch mal deinen Hintern mit einem meiner Energiebälle grille.«
Demonstrativ hob ich meine Augenbraue. »Wenn du das Echo vertragen kannst.«
»Verdammt! Ich wusste doch, dass da noch was war!« Wieder lachte sie und mir ging das Herz auf. So unbeschwert hatte ich sie zuletzt an dem Tag erlebt, an dem sie heiratete. Erinnerungen an diesen Tag wurden wach. »Schade«, seufzte ich bei den Gedanken daran, wie ich die Zeremonie beobachtete. »Auf der Palme habe ich am liebsten gehockt. Von da hatte ich immer den besten Blick auf das ganze Areal. Ich konnte euch sogar auf dem Steg beobachten.«
Nun lachte sie Tränen. »Das ist nicht dein Ernst, oder? Du hast nicht wirklich in der Palme gesessen.«
Zustimmend nickte ich. Musste dann aber sofort mitlachen, als ich Ninas verdutztes Gesicht sah. »Um nichts auf der Welt hätte ich eure Trauung verpassen wollen. Es war gar nicht so einfach, nicht gesehen zu werden. Und zum Glück hörte ich an dem Abend auch, wie Benjamin den Helikopter nach Maui geordert hatte. Sonst wärt ihr ohne mich in die Flitterwochen abgereist.«
»Du hast uns die ganze Zeit beobachtet?!«
»Ukiuki!«, brüllte ihr Gemahl plötzlich. Zwei Palmwedel waren runtergefallen und hatten ihn um Haaresbreite verfehlt.
Augenblicklich verstummte Nina. Ein kleiner Anflug von Panik flog ihr übers Gesicht. Doch bevor sie lospreschen konnte, ergriff ich ihren Arm. Allerdings tat ich es nicht aus freien Stücken. Meine Bewegung war unbewusst erfolgt und mein Blick in Benjamins Richtung bestätigte mir, wer mich mental dazu gezwungen hatte.
»Du könntest ihnen von hier aus zur Hand gehen«, forderte ich Nina nunmehr auf, um sie von ihrem Handeln abzubringen. Denn auch wenn mir das Eindringen von Benjamin in meinen Kopf nicht passte, so war ich dennoch um das Wohl seiner Frau besorgt.
Sie blickte mich verwundert an. »Mit einem Energieball, oder was?«
»Nein, aber ein wenig Niederschlag vielleicht.«
»Regen? Das letzte Mal habe ich es nicht mal geschafft, eine Wolke ran zu locken. Also wie sollte ich es jetzt regnen lassen?«
»Versuchs einfach aus deinem Bauchgefühl heraus«, forderte ich sie heraus.
Nina blickte mich zweifelnd an, hob jedoch dann die rechte Hand. Der Stein des Mana Loa Ringes fing an zu leuchten. »Ua«, murmelte sie und zeigte mit dem Ringfinger auf die Palme. Wie aus dem Nichts fiel ein Schwall von Wassertropfen auf die Feuerstelle.
Es schüttete kurz wie aus Eimern, dann waren die Flammen gelöscht und die drei Männer triefend nass.
In dem Moment, als Nina ihren Arm wieder runter nahm, war der Spuk auch schon vorbei.
Eric und Joseph blickten sich verwundert an, während Benjamin zu seiner Frau rüber sah und breit grinste.
Nina verdrehte die Augen. »Nein, Po´ko´i. Ich habe mich zwar mit meinem Alter Ego ausgesöhnt, aber dennoch möchte ich bei meinem Namen genannt werden«, sagte sie in seine Richtung. Dadurch wusste ich, dass er sie in seinen Gedanken kontaktiert hatte.
Er kam zu uns, hob seine Frau an und wirbelte mit ihr auf dem Arm um seine eigene Achse. »Mir ist es egal, ob du Okelani, oder Nina bist. Ich liebe dich so, wie du bist.«
Die beiden so in Zweisamkeit zu sehen, tat mir weh. Auf dem Absatz kehrte ich ihnen deshalb den Rücken zu und ging zurück in die Küche des Strandhauses.
Zu meinem Leidwesen war Tutu jedoch gerade damit beschäftigt die Abfälle, die ihr Mann und ihr Sohn hinterließen, wegzuräumen.
»Soll ich dir eine Mahimahi backen?«, bot sie mir freundlich an, als sie mich erblickte.
»Nein, danke. Mir ist gerade nicht nach einer Goldmakrele.« Ich mochte zwar Fisch, aber zum Frühstück bekam ich nicht mal Lachs herunter.
»Hast du vielleicht eine Scheibe Brot und Wurst für mich?«
Tutu wiegte den Kopf hin und her. »A'ole, Keiki. Aber ich könnte dir noch …«
»Nein, Danke. So großen Hunger habe ich nicht mehr«, wiegelte ich ab, da ich ahnte, dass es wieder nicht meinen Geschmack treffen würde. »Außerdem muss ich los«, setzte ich noch hinterher, als ich ihr enttäuschtes Gesicht sah. Ich beschloss auf dem Rückweg ein paar Lebensmittel einzukaufen, um meinen eigenen Kühlschrank aufzufüllen. Ihr würde ich davon aber nichts sagen, denn man sollte es sich lieber nicht mit Tutu verscherzen.

Zehn Minuten später saß ich mit knurrendem Magen in meinem Dienstwagen. Wobei ich mir noch nicht einmal sicher war, ob das flaue Gefühl vom Hunger herrührte, oder daher, weil ich vorhatte, mit Kate zu reden.
Im Rückspiegel konnte ich sehen, wie Nina auf Benjamins Hengst Devil saß. Nick indes versuchte gerade auf ein kleineres Pferd aufzusitzen.
Bei dem Anblick der beiden musste ich lachen. Nina trug eine abgeschnittene Jeans und das gelbe Hawaiihemd ihres Gatten. Nick hingegen hatte sich in Schale geworfen. Er war mit einer adretten Reiterhose, einem Jackett und dem passenden Reiterhelm bekleidet und wirkte nicht nur steif, sondern bewegte sich auch so.

Als ich bei Kate ankam, hörte ich, wie in den Nachrichten das [1] Vulcano Observatory von einer vermehrten Aktivität des Kilauea Vulkans sprach[2] . ›Verflixt! Peles Kräfte wachsen!‹, schoss es mir durch den Kopf. Und ich wusste auch wie: In letzter Zeit hatte der Rat der Fünf vermehrt Meldungen reinbekommen, dass ihm bekannte Magier im komatösen Zustand aufgefunden wurden.
Kate holte mich aus meinen Gedanken, indem sie an meine Fensterscheibe klopfte. »Kommst du mit? Ich habe Loco Moco von Wong mitgebracht.«
»Was willst du mit einer Lokomotive?«
Kate kicherte. »Nein, Loco Moco«, dabei betonte sie jeden einzelnen Buchstaben. »Das ist eine Rindfleischscheibe auf Reis mit Bratensoße drüber und als Topic kommt noch ein gebratenes Ei drauf.«
»Und sowas esst ihr zum Frühstück? Ich glaube, ich werde mich nie an eure Essgewohnheiten gewöhnen.« Kopfschüttelnd spielte ich mit dem Schlüssel, der noch immer im Zündschloss steckte. Innerlich kämpfte ich mit mir, ob ich nicht einfach wieder fahren sollte. ›Was will ich eigentlich hier?‹, fragte ich mich. ›Wem will ich beweisen, dass Kate mir nichts bedeutet? Mir oder dem Kätzchen?‹
»Komm Professor. Du siehst aus, als ob du was zu trinken gebrauchen kannst. Ich müsste noch einen Rest vom Maui Blanc haben.«
Bei der Nennung der Weinsorte überkam mich ein kleiner Schauer. »Müsst ihr eigentlich alles mit Ananas versetzen?«
Kate lachte herzerfrischend auf. »Nein, natürlich nicht. Es bietet sich halt an. Es gibt hier überall Plantagen. Aber keine Sorge. Für dich habe ich extra einen kalifornischen Rotwein besorgt. Ich weiß jedoch nicht, ob der zum Loco Moco passt.«
»Finden wir es raus«, erwiderte ich, als ich den Duft des Essens wahrnahm und mein Magen nun sogar unüberhörbare Geräusche von sich gab. Ich stieg aus, nahm Kate gleich zwei von den prall gefüllten Papiertüten ab und ging ihr hinterher.
Kate stellte zwei Iso-Klappboxen auf den Tisch, der auf der Lânai stand. »Wir essen hier auf der Veranda.« Sie griff nach den Einkaufstüten. »Ich bring das nur fix rein«, sagte sie. »Und hole Besteck.«
Kopfschüttelnd drehte ich mich um und nahm ihr damit die Möglichkeit, die Tüten zu ergreifen. »Nein, Kate. Die sind wirklich zu schwer für dich.« Ohne auf ihren Protest zu achten, ging ich direkt in Richtung Wohnküche.
»Nein!«, schrie sie nahezu hysterisch auf, als ich die Verandatür aufschob. Ein Blick ins Haus und ich wusste auch warum
Ihre Küche wirkte genauso chaotisch, wie sie selbst, wenn sie zu viel Energie in sich trug. Überall lagen Papiere zwischen abgepackten, aber auch offenen Lebensmitteln. In der Spüle stand nur eine benutzte Tasse. Auf der Abtropffläche hingegen war das Geschirr von zwei Personen aufgetürmt. ›Wer wohl gestern hier war?‹, fragte ich mich unwillkürlich bei dem Anblick des zweiten Gedecks. Die Beutel stellte ich auf den einzig freien Bereich der Küchenzeile ab.
Kate trat in diesem Moment ebenfalls ein. »Benny deckt mich total mit Arbeit zu und Charly hält mich zusätzlich mit ihren Hochzeitsplänen von der Hausarbeit ab. Ich schaffe gerade mal abzuwaschen, bevor ich tot ins Bett falle.« Sie begann die Unterlagen zusammenzuraufen und schob ein paar der Lebensmittel von einer Ecke zur nächsten.
Aus einem inneren Drang heraus umarmte ich sie von hinten und berührte mit meinen Daumen ihre Handgelenke. [3] »Ist schon gut. Ich bin es nur«, flüsterte ich dicht an ihr Ohr. »Du bist mir gegenüber keine Rechenschaft schuldig. Ich bin nur ein Durchgangsgast in deinem Leben. Mehr nicht.«
Sie zuckte merklich zusammen. »Trotzdem schäme ich mich jetzt«, murmelte sie leise.
Beruhigend strich ich über ihre Unterarme. »Das brauchst du wirklich nicht. Ich weiß ja, wie Benjamin sein kann und deine Schwester ist bestimmt für deine Hilfe dankbar. Schließlich heiratet man nicht jeden Tag.«
Sie seufzte auf. »Manche sogar nie.« Ein Zittern ging durch ihren Leib.
Für einen Augenblick war ich versucht, die Bedeutung ihrer Worte herauszufinden. Jedoch fühlte ich Furcht in mir aufkeimen, dass mir die Antwort nicht gefallen könnte. Ich ließ ihre Arme los und griff nach der Flasche, die auf der Fensterbank stand. Dadurch wurde sie zwischen mir und der Theke eingeklemmt. Ein leises Stöhnen entwich ihr. Kates Gesäß drückte sich geradewegs gegen mein Geschlecht.
In diesem Moment verspürte ich nicht nur das Magengrummeln, sondern auch den Wunsch mir etwas von ihrer Energie zu holen. Ja, ich wollte sie spüren. Sie vereinnahmen und ganz nah bei mir haben. ›Auf einmal mehr kommt es nicht an‹, versuchte ich mich selbst zu ermuntern. ›Sei kein Arsch!‹, ermahnte ich mich zugleich. ›Du bist ein Mann von Ehre. Mit ihr zu schlafen wäre niederträchtig und gemein.‹
Mein Verlangen wuchs an, als sie ihren Kopf an meine Schulter lehnte und ihre Wange an meine Brust schmiegte. ›Sie will es ja auch‹, beruhigte ich mein schlechtes Gewissen.
»Willst du heiraten und Kinder haben?«, fragte sie mich geradeheraus.
Diesmal war ich es, der sich versteifte. Die Erregung, die soeben noch meinen Körper ergriffen hatte, wich einem unguten Gefühl. »Nein. Ich glaube nicht daran, dass ich die Ewigkeit mit jemanden teilen kann. Also versuche ich es gar nicht erst.« Meine eigenen Worte schmerzten mich, weil sie mir aufführten, dass ich immer allein bleiben würde. Andererseits machten sie mir jedoch auch etwas klar. Ich begriff, dass ich mich an Nina klammerte, weil ich sie nie bekommen würde. Ja, sie war die perfekte Ausrede dafür, mich nicht fest zu binden.
Beim Zurücklehnen streifte mein Oberarm Kates Schulter. Ein klein wenig Energie fuhr von ihr zu mir. Dieses Gefühl war überwältigend. Ein Zittern durchzog meinen Körper, während sich die kleinen Härchen in ihrem Nacken leicht aufrichteten. Sie zu fühlen, zu sehen, wie sie auf meine Berührung reagierte, war berauschend. Meine Sinne schärften sich und ich konnte sehen, wie ein Gänsehautschauer über ihren Leib fuhr.
Als dieser Zustand nachließ, pustete ich sanft an ihr Ohrläppchen und hauchte einen Kuss auf ihre Schlagader. Erneut kräuselte sich ihre Haut. ›Süß!‹
Der Zauber des Moments verflog, als sie sich mit einem Ruck aus meiner Umarmung löste. »Komm. Das Loco Moco wird kalt.« Sie griff nach Messer und Gabel, die in einem Besteckkorb auf der Abtropffläche standen. Nahezu fluchtartig verließ sie das Haus.
Verunsichert blickte ich ihr hinterher. Es war zwar nicht das erste Mal, dass sie sich meiner Berührung entzog. Jedoch hinterließ es diesmal einen bitteren Geschmack. ›Ahnt sie, weshalb ich hier bin?‹, fragte ich mich und mein schlechtes Gewissen nahm wieder überhand.
»Alles in Ordnung?«, fragte ich daher, als ich zu ihr auf die Veranda trat.
Geistesabwesend biss sie sich auf die Unterlippe und blickte starr auf die Isobox vor ihr. Plötzlich hob sie ihren Kopf. Mit festem Blick sah sie mir direkt in die Augen. »Wenn du es genau wissen willst: nein. Es wird heute keinen Sex geben.«
Der vorwurfsvolle Unterton ihrer Worte war wie eine Salve von Ohrfeigen. ›Sie weiß es!‹ In diesem Moment fühlte ich mich wie ein kleiner Junge, den man beim Diebstahl von Schokolade erwischt hatte. Ja, ich wollte noch einmal etwas von dieser Süßigkeit naschen. Dabei war mir klar, dass ich kein Anrecht darauf hatte.
»Es tut mir leid, Professor. Aber meine Kraftreserven sind wirklich am Ende.«
Mein angegriffenes Verantwortungsbewusstsein wurde dadurch nicht besser. Im Gegenteil. Bisher dachte ich, dass es ihr nichts ausmachen würde, wenn ich ihre Energie entzog. Aber nun war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich ihr nicht doch schadete.
Kate brach in schallendes Gelächter aus. »Professor. Guck nicht so bedröppelt. Ich muss mich nur mal ausruhen. Einfach mal chillen und eine Runde im Manoa Falls planschen, dann geht’s bestimmt bald wieder.«
Auch wenn ihre Worte mich beruhigen sollten, halfen sie mir nicht wirklich weiter. »Weißt du was? Wir essen jetzt dein Loco und danach gehst du schwimmen. Ich kümmere mich in der Zeit um deinen Haushalt.« Hausarbeit war zwar nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, aber ich hoffte, so wenigstens etwas wieder gut machen zu können.
Das Essen war erstaunlicherweise lecker. Allerdings fand ich es dann für ein Frühstück doch zu mächtig. So saßen wir beide völlig überfüllt faul und träge auf der Terrasse und genossen die Kühle, die uns der angrenzende Wald schenkte.
Langsam senkten sich meine Lider. Völlig unerwartet zog etwas raues, klebriges eine feuchte Spur quer über mein Gesicht. Umgehend schreckte ich aus meinem Dämmerzustand hoch. Meine Sinne schärften sich augenblicklich und mein ganzer Körper stellte sich auf den Kampfmodus um.
Mit geballten Fäusten, versteinerter Miene und angewinkelten Knien, stand ich nun da und blickte nervös hin und her. Dieser Zustand dauerte nur Millisekunden. In dieser Zeit realisiert ich, wer oder besser gesagt, was mich angegriffen hatte.
Der Verursacher namens Einstein ließ sich von meiner Haltung nicht beirren und sprang an mir hoch, um mir erneut über meine Wange zu lecken.
»Pfui Teufel!«, gellte ich und versuchte den Hund wieder abzuwimmeln.
Nun war auch Kate aus ihrer Halbstarre erwacht. »Einstein runter!«, wies sie den Hund mit fester Stimme an. Doch dieser dachte gar nicht daran, ihr zu gehorchen. Erneut ließ er seine Zunge über meine Wange fahren.
»Bäh!«, ein Würgereiz überkam mich. Der Hund hatte eindeutig mit Mundgeruch zu kämpfen oder er hatte etwas gefressen, was ich im Traum nicht mal anrühren würde.
Kate riss das Fellbündel nun an seinem Halsband zurück. »Mom, verdammt nochmal, warum hast du ihn von der Leine gelassen?«, rief sie einer Frau entgegen, die gerade um die Ecke bog..
»Konnte ich ahnen, dass du Besuch hast, Keiki?«, fragte diese zurück und trat nun nah an uns heran. »Aloha. Ich bin Anna, Katelynns Mutter.«
Höflich bot ich ihr meine Hand entgegen. »Hi, ich bin Daniel.« In dem Moment als sie sie ergriff, verschwand ihr Lächeln. »Daniel? Du bist der Kerl, mit dem Katelynn die Nächte verbringt?«
»Mom!«, rief Kate entsetzt. »Ich habe dir gesagt, dass es mein freier Wille ist.«
»Wir reden später darüber«, erwiderte diese nur, drehte sich um, pfiff den Hund zu sich und verschwand binnen Sekunden aus meinem Sichtfeld.
»Wow!«, stieß ich aus. »Die mag mich nicht.«
»Es … es ist nicht wegen dir. Sie kennt dich ja gar nicht. Es ist mein Lebenswandel, der sie stört. Du weißt doch, Mütter träumen davon, dass ihre Töchter von einem Schwiegersohn nach Maß an den Altar gezerrt werden und weitere Töchter auf die Welt bringen. Aber das ist nicht mein Weg.«
»Ist schon gut, Kate. Du musst sie nicht verteidigen. Dass unsere Art der Beziehung moralisch verwerflich ist, weiß ich.« Für einen Moment überlegte ich, ob ich diesen Faden aufgreifen und endlich das tun sollte, wofür ich hier war.
Aber sie hatte anscheinend andere Pläne. Kate schritt auf mich zu, umarmte mich und gab mir einen sanften Kuss. »Mach dir keinen Kopf. Moms Vorstellungen sind überaltert. Für mich ist Ehrlichkeit wichtig. Ich brauche keine falschen Versprechen oder jemanden, der mich an der Nase herumführt.«
Innerlich zog sich alles in mir zusammen. Nicht nur, dass ich jetzt erst wirklich sah, wie blass sie wirkte und wie dunkel die Haut unter ihren Augen schimmerte. Nein, auch das mit der Ehrlichkeit nagte an mir. Es war das Einzige, was ich ihr definitiv nicht bieten konnte. Dennoch schaffte ich es, sie anzulächeln. »Wie soll das gehen bei meinem Job?«, fragte ich sie. »Es ist mir fast unmöglich, dir gegenüber ehrlich zu sein.«
Kate ließ mich los. »Und doch bist du es, weil du zugibst, es nicht sein zu können. Behandle mich einfach weiterhin mit Respekt.« Sie lächelte. »Weißt du, ich fühle mich wohl bei dir und das zählt.
Mein Herz setzte aus. So paradox es klang, aber sie sollte sich nicht bei mir wohlfühlen. Und doch war es ja unablässig, dass sie es tat, wenn wir miteinander schliefen. Ja, es wurde Zeit, es zu beenden.
»Kate, hör mal«, setzte ich an.
»Hey, Katy, Süße. Hast du gemacht, um was ich dich gebeten habe?« Ein junger sportlicher Mann betrat soeben die Lânai.
»Ja, ich konnte Kawika dazu überreden, dass es auch ein paar chinesische Gerichte zum Luau geben wird. Er war zwar nicht begeistert, aber respektiert das Ansinnen von Jimmy.«
»Supi! Das wird ihn freuen. Der Alte kann den ganzen Tag ja Chinesisch futtern. Ich glaube, nur deshalb ist er hier hergezogen. In Hamburg gab es zwar auch Shop Suey, aber hier gibt es das Zeug ja überall.«
Neugierig unterzog ich den Jüngling einer genaueren Untersuchung. Er war gut durchtrainiert. Seine Shorts hing ihm tief auf den Hüften und auch da konnte ich keinen Übergang zu ungebräunter Haut erkennen. Aber das Auffälligste an ihm war sein Zahnpasta-Lächeln, welches er nur zu gerne präsentierte.
»Wieso hast du eigentlich einen besseren Draht zu deinem Stiefvater als seine eigene Tochter?«, fragte er sie unumwunden.
»Vermutlich, weil ich es war, die mit ihm durch die Wälder gestreift ist, während Charly shoppen ging.«
»Und du? Warum bist du hier, Kenny? Hat dein Dad dir eine Anstellung bei IT International verschafft? Als Geschäftsführer ist ihm das doch sicherlich möglich, oder?«, fragte ich den Kerl, der mir wie ein pubertierender Nudist vorkam.
»Quatsch. Was soll ich an einem Computer? Ne, Mann, ich bin hier zum Surfen. Die Nordsee ist doch viel zu kalt zurzeit. Im Frühjahr gehe ich zurück nach Hamburg. Wobei …«, er grinste Kate provokant an, »das steht noch nicht zu hundert Prozent fest.«
Erst jetzt fiel mir auf, dass die Unterhaltung die ganze Zeit in Deutsch stattfand. Dass sie meine Geburtssprache fließend sprach, war etwas, was ich bisher noch nicht von ihr wusste.
»Süße, gehen wir morgen zusammen surfen?«, wandte er sich jetzt sogar direkt wieder an sie.
»Wie könnte ich zu dir schon ›Nein‹ sagen, Kenny?« Sie zwinkerte ihm zu.
›Verflixt!‹, stieß ich innerlich aus. Jedes Mal, wenn sie eine so mädchenhafte Geste machte, wurde es mir warm ums Herz. ›Ich muss das hier beenden, bevor ich es nicht mehr kann!‹
Eiligst griff ich zu dem Maui Blanc, füllte mir das Glas voll und kippte den Ananaswein nur so in mich hinein. Vielleicht half es mir ja, mir ein wenig Mut anzutrinken.
Der Kerl empfand es wohl als Aufforderung, jedenfalls, nahm er die noch geschlossene Flasche.
»Hey, den hat Kate für mich besorgt!«, warf ich ein, doch er grinste nur und entkorkte den Rotwein.
Während Kenny sich und Kate etwas davon eingoss, sagte er zu mir gewandt: »Trink du mal erst das Zeug aus. Wenn du schnell genug bist, bekommst du noch was vom guten Stoff ab.«


Es ist eine Einrichtung.
Sprach nicht gesprochen wurde. Letzteres wäre bei einer Unterhaltung zwischen zwei Parts. Hier erzählt das Observatorium alleine.
Ela Satz ist neu – ab hier ist es komplett überarbeitet!!!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen