Freitag, 23. August 2013

Familienbande: Das ist für die, die die XXL Leseprobe schon durchgelesen haben und neugierig sind, wie es weiter geht. Aber Achtung Spoilergefahr!


Totgeglaubte leben länger


Es war später Abend, als ich endlich in meinem neuen Zuhause auf Noelani ankam. Ich ging in das Haus mit den grünen Fensterläden und schaltete das Licht im Wohnzimmer an. Der Raum war leer. Na ja fast. In ihm stand ein alter Stuhl, der mit Sicherheit schon bessere Zeiten erlebt hatte. Er war genauso weiß wie die Wände rundherum und hatte eine Sitzfläche aus Rattangeflecht, die an manchen Stellen schon eingerissen war. Ich wusste nicht, warum mir dieser Anblick so vertraut vorkam. Vielleicht, weil ich mich in diesem Moment so fühlte, wie der Stuhl aussah: einsam, allein und zerrissen.
Es schauderte mich und ich strich mir über die Arme, als wenn ich damit die Einsamkeit abstreifen konnte. Leise murmelte ich zu mir selbst: »Mach das Beste draus.«
Zu Weihnachten würde Tom nachkommen und bis dahin gab es noch eine Menge zu tun: Den tristen weißen Wänden musste ein bisschen Farbe verpasst und Möbel mussten auch noch gekauft werden. Ich durchquerte das Wohnzimmer und ging in den angrenzenden Raum. Wow! Wenigstens brauche ich mir keine neue Küche kaufen, durchfuhr es mich beim Anblick der riesigen Einbauküche.
Neugierig öffnete ich die Schränke und fand mehrere Töpfe, Pfannen, Geschirr, Besteck, ein Pfund frisch gemahlenen Noelani Kaffee und Zucker. Da meint es jemand gut mit mir, kam mir in den Sinn.
Auf der Theke stand eine Kaffeemaschine. Hoffnungsvoll sah ich in den Kühlschrank und war nicht mal überrascht, dort tat-sächlich Milch vorzufinden. Sunny!, huschte mir durch den Kopf. Sie weiß, dass ich Milch in meinem Kaffee mag.
Während der Kaffee durchlief, sah ich mir den Rest des Hauses an. Im unteren Stockwerk gab es noch ein kleines Zimmer und einen Hauswirtschaftsraum, durch den man von der Küche in die Garage gehen konnte. Eine weitere Tür in der Küche führte in ein sogenanntes Strandbad. In dem konnte man sich nach dem Bad im Meer abduschen, um so sauber die Wohnräume betreten zu können.
Oben befanden sich drei leer stehende Räume und ein Badezimmer. Außerdem gab es noch ein geräumiges Schlafzimmer mit angrenzendem Ankleideraum sowie einem zusätzlichen Badezimmer. Darüber hinaus hatte es einen eigenen kleinen Balkon, von dem aus ich das rauschende Meer sehen konnte. Aber was mich im Moment am meisten erfreute war, dass mitten im Schlafzimmer ein nagelneues, frisch bezogenes Himmelbett stand.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Sunny wusste zwar nicht, dass ich früher komme. Doch sie ist, wie Tom sagen würde, wie immer auf alles vorbereitet.
Ich merkte, wie die Einsamkeit dem Gefühl freudiger Erwartung wich. Plötzlich war ich gespannt auf mein neues Leben und ich war neugierig auf Ben. Ob er mich immer noch verachtet? Und mehr noch: Ist er wirklich in der Lage eine Frau zu schlagen? Und hat Sophie mich vielleicht doch gesehen? Die Gedanken ließen mich auch in der einen Woche, die ich in Deutschland verbrachte, nicht los.
Mir fielen die Worte wieder ein die Tom bei unserer Verabschiedung am Bremer Flughafen sagte: »Engel, der viele Champagner ist dir an diesem Abend bestimmt zu Kopf gestiegen. Ben hat überhaupt nichts mehr gegen dich und hassen tut er dich schon gar nicht. Er war bestimmt aus einem anderen Grund schlecht drauf. Er hatte es ja in letzter Zeit wirklich nicht leicht und dass du dich nebenbei um die Zwillinge kümmern willst, wird ihn bestimmt sehr entlasten. Mom ist dir jedenfalls sehr dankbar dafür, dass du jetzt einen Teil der Arbeit von Clark Newton bei Children´s Hope übernimmst. Ach und Eric lässt dir ausrichten: Der Dekan hat sich zurückgemeldet. Du kannst im Januar dein IT-Studium in Honolulu beginnen.«
»Mir wäre es aber lieber, wenn ich den Platz aufgrund meiner Eig-nung und nicht aufgrund von Erics Fürsprachen erhalten hätte«, er-widerte ich ihm.
»Engel glaube mir, du wärst auch ohne sein Zutun dort angenommen worden. Er hat nur dafür gesorgt, dass du nicht erst im Herbst anfangen musst.«
Die Kaffeemaschine summte und riss mich aus meinen Gedanken. Schnell lief ich nach unten und goss mir einen guten Schluck dieses göttlichen Gebräus ein. Dann schnappte ich mir den Stuhl und ging nach draußen auf die Terrasse. Dort setzte ich mich hin und atmete die vom Meersalz durchtränkte Luft in tiefen Zügen ein.
Mein Blick wurde von dem hell erleuchteten Balkon des Nachbarhauses angezogen. Wie schon einmal zuvor stand Ben dort oben und sah hinunter.
Mir blieb der Atem stehen: Außer einer Retroshorts hatte er nichts an. Sein braun gebrannter muskulöser Oberkörper wurde von hinten und von der Seite durch die Zimmerbeleuchtung und von vorne durch die Laternen des Platzes ins rechte Licht gesetzt, sodass ich jeden einzelnen seiner Muskelstränge erkennen konnte. Nervös sah ich zu ihm hoch.
Sein Blick wanderte ruhelos umher, als ob er etwas suchen würde.
Er hat mich nicht gesehen. Instinktiv zog ich mich weiter in den Schatten meines neuen Zuhauses zurück.
Aus dem hell erleuchteten Schlafzimmer trat Rachel heraus. Ihr langes blondes Haar schimmerte golden im Mondlicht. Sie trug einen blauen Seidenmantel über den gleichfarbigen, nahezu durchsichtigen Overall. Langsam trat sie von hinten an Ben he-ran, umschlang ihn zärtlich und streichelte ihm sanft über die blanke Brust.
Ben drehte sich zu ihr um und flüsterte ihr etwas zu. Da er ihr Gesicht mit seinem Oberkörper verdeckte, konnte ich nicht ihren Gesichtsausdruck erkennen. Doch, dass sie sich im nächsten Moment sanft an ihn schmiegte, konnte in meinen Augen nur bedeuten, dass es etwas Angenehmes war, was er ihr zugeflüstert hatte und mein Herz hüpfte.
»Rachel bitte ... wir sollten besser reingehen«, hörte ich ihn noch sagen, dann verschwanden beide auch schon in dem Zimmer, aus dem sie zuvor gekommen war. Kurz darauf zog er die blickdichten Vorhänge zu und es dauerte auch nicht lange und das Licht des Zimmers erlosch gänzlich.

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